Sie sind hier: Andachten > Wort zum Wochenende
23.09.2026
Was wir loslassen dürfen
Beim Aufräumen ist mir vor Kurzem eine Kiste mit Dingen aus vergangenen Jahren in die Hände gefallen: Karten, kleine Erinnerungen, Sachen, die ich längst nicht mehr brauche und trotzdem nicht wegwerfen wollte. Dabei habe ich gemerkt, wie schnell wir Dingen Bedeutung geben, einfach weil sie einmal zu einer bestimmten Zeit unseres Lebens gehört haben.
Manches habe ich wieder zurückgelegt. Bei anderem dachte ich: Eigentlich darf das jetzt gehen. Und trotzdem fiel mir genau das erstaunlich schwer. Vielleicht, weil mit manchen Dingen eben nicht nur ein Gegenstand verbunden ist, sondern auch ein Gefühl, ein Mensch oder eine Erinnerung an eine bestimmte Zeit.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb gerade der Herbst besonders. In diesen Tagen verändert sich draußen sichtbar etwas. Die Luft wird kühler, das Licht weicher und nach und nach beginnen die Blätter, sich zu verfärben. Bald werden die Bäume vieles von dem loslassen, was sie den ganzen Sommer über getragen hat.
In der Bibel heißt es im Buch Prediger: „Ein jegliches hat seine Zeit.“ Danach werden ganz unterschiedliche Zeiten des Lebens genannt: lachen und weinen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen. Ich mag an diesen Worten, dass sie nichts beschönigen. Sie sagen nicht, dass alles bleiben muss. Veränderung gehört zum Leben dazu.
Das wissen wir natürlich. Trotzdem fällt es oft schwer, etwas loszulassen. Das können Gegenstände sein, aber auch Gewohnheiten, Pläne, Erwartungen oder Lebensabschnitte. Manchmal halten wir an etwas fest, obwohl wir längst spüren, dass seine Zeit vorbei ist.
Der Herbst macht uns etwas vor: Die Bäume lassen ihre Blätter fallen. Nicht, weil diese wertlos geworden wären. Sie haben ihren Zweck erfüllt, Schatten gespendet, Farbe und Leben getragen. Nun beginnt eine andere Zeit. Und auch wenn die Äste irgendwann kahl aussehen, ist damit nicht alles vorbei. Im Verborgenen beginnt schon die Vorbereitung auf das, was später wieder neu wachsen darf.
Vielleicht bedeutet Loslassen deshalb nicht, das Vergangene abzuwerten oder zu vergessen. Wir dürfen dankbar darauf zurückblicken und trotzdem Platz für Neues schaffen.
„Ein jegliches hat seine Zeit.“ Vielleicht ist der Herbst eine gute Gelegenheit, sich zu fragen: Was darf ich bewahren – und was darf ich guten Gewissens loslassen?
Melanie Hamann
Gemeindepädagogin in Ausbildung
Kirchenkreis Bad Frankenhausen-Sondershausen