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21.07.2019

Predigt zu Mt 9,35 am 21.07.2019 in Bad Frankenhausen (Nadine Greifenstein)

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt.
Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich Gottes und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.
Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.
Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.
Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.
Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch.
Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben,
auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.
Wieder eine Aufforderung zum Gehen. Nach Abraham aus der alttestamentlichen Lesung und den Fischern aus der Lesung des Evangeliums für diesen Gottesdienst sind es hier nun die Zwölf, die zum Gehen aufgefordert werden: „ … Geht zu den verlorenen Schafen aus dem Haus Israel … geht und predigt das nahe Himmelreich … geht zu den Kranken, zu den Aussätzigen, zu den Besessenen, sogar zu den Toten … macht gesund, weckt auf, treibt aus, macht rein und für alles das lasst euch bloß nicht bezahlen, jedenfalls nicht mit Geld … und wenn ihr unterwegs seid, dann reist mit leichtem Gepäck … nicht mal eine Tasche, keine Schuhe, keinen Stab, nicht mal ein Wechselhemd sollt ihr dabei haben.“ So heißt es da. Und zu all dem fordert Jesus die Zwölf auf.
Ganz schön viel. Ganz schön viele Aufgaben und recht wenig Ausstattung, meine ich auf den ersten Blick. Wer macht denn so was mit? Zu solchen Bedingungen? Das frag ich mich da. Nur zu Fuß unterwegs und nicht einmal ein paar Schuhe? Nur auf Wanderschaft und nicht einmal ein Stab? Das wäre doch nun wirklich kein Luxus. Das wäre das Minimum, was man diesen Leuten zugestehen müsste.
Und zur Zielgruppe, also zu denen, die die Zwölf zuerst aufsuchen sollen: nicht die Heiden, nicht die Fremden sollen es sein, sondern die eigenen Leute. Was soll denn das? - frage ich mich da. Sind denn die Jünger nicht in die Welt gesandt, also zu allen Menschen? Ist das jetzt doch so ein exklusiver Jesus-Club, den sie da bedienen sollen? Damit bin ich und mit meinem Verständnis von der Sendung in die Welt nicht einverstanden.
Nun ja. Sehen wir mal. Zur Ausstattungs- und Aufgabenbilanz könnte man sagen: Die Jünger sind sehr wohl ausgestattet. Sie haben vielfach gesehen, wie Jesus an den Menschen handelt, die krank oder ausgestoßen sind. Sie haben praktisch erlebt wie konkret Gottes Kraft wirken kann. Und Jesus selbst gibt den Zwölfen, bevor er sie losschickt, den Auftrag so zu handeln wie er. Gut. Da lässt sich ein gutes Bild zeichnen von total motivierten und im Geist großartig ausgestatteten Jüngerinnen und Jüngern. Sie folgen dem Ideal mit nichts als den Kleidern am Leib und ohne jede soziale Sicherheit. Sie preschen los und kommen ihren Aufträgen nach: Predigen, Heilen, Geister austreiben, Auferwecken sogar. Ein schönes Bild ist das und ein schönes Bild wäre das heute: Die Nachfolger Christi sind voller Vertrauen. Sie fragen nicht nach Geld und Ruhm, sondern gehen auf die Menschen
zu und machen und tun erst einmal. Sie sind scheinbar unerschütterlich vertrauensvoll im Glauben. Und damit gelingt ihnen all das.
Eines aber irritiert mich. Wo bleiben der Zweifel und die Fragen, die sich vor einer neuen Aufgabe wohl jedem Menschen stellt. Nämlich: Kann ich das überhaupt? Packe ich das? Und was ist, wenn ich scheitere? Davon verliert unser Predigttext kein Wort – und das vermisse ich.
Zur Zielgruppenfrage, also zu wem die Jünger geschickt werden, könnte man sagen: Klar, erst einmal geht es darum die eigene Gemeinde zu festigen, sich ihr zuzuwenden, vielleicht weitere Mitarbeitende zu gewinnen. Und das ist doch nur gut, wenn eine Gemeinde stabil ist, bevor sie sich nach außen wendet. Oder? Oder nicht? Hier irritiert mich auch etwas, nämlich, dass kein Wort davon gesagt ist, dass eine Gemeinde auch Gefahr läuft den Blick nach außen zu verlieren. Nämlich dann, wenn sie sich nur um sich selbst kümmert. Wenn sie sich nur um sich selbst dreht. Und dann verpasst sie gut und gerne den Zeitpunkt nach außen zu gehen und wirklich Gemeinde in der Welt zu sein, also auch die „Fremden“ zu sehen und die „Anderen“ oder die „Ungläubigen“. Wie ist das mit dem Auftrag, das Evangelium in alle Welt zu tragen und nicht nur zu denen, die damit schon in Berührung sind? Davon verliert unser Predigttext kein Wort – und das vermisse ich auch.
Was ist also nun mit der Aufforderung zum Gehen, die den Zweifel und die Fragen der Gesendeten verschweigt und bei der der Wirkungskreis sehr eng und klein gezogen wird. Mich interessieren die Zweifel und die Fragen der Jünger schon. Und mich interessiert auch ihre Meinung dazu, wohin sie nun zuerst geschickt werden. Es interessiert mich gerade weil es verschwiegen wird und weil doch jedes Leben solche Geschichten schreibt: Die Geschichten vom Anfangen und von neuen Wegen und der damit verbundenen Unsicherheit.
Da hat jemand gut und solide studiert und hat nun als Lehrer sein erstes Examen. Und dann ist da das erste harte halbe Jahr im Klassenzimmer.
Da hat jemand jahrelang Erfahrung im angestammten Betrieb. Und dann kommt da der Wechsel in eine neue Firma mit ganz anderem Schwerpunkt.
Da ist jemand lange Zeit in einer stabilen Beziehung. Und dann kommt da die Trennung und das plötzliche Alleinsein.
Da hat jemand einen festen frohen Glauben. Und dann ist da der Tod eines geliebten Menschen, der alles in Frage stellt.
Wie ist das mit dem Mut und den Fragen, wenn neue Wege unumgänglich sind. Dann, wenn es an die Grundsubstanz geht, wenn die Wegzehrung knapp wird und wirklich die Frage im Raum steht: Woher nehme ich jetzt mein Vertrauen, das irgendwie hinzukriegen?
Ich frage mich auch, wieviel die Zwölf aus ihren Begegnungen mit den Menschen für sich selbst mitnehmen konnten als eigene Wegzehrung. Wie hat sie z.B. eine Heilung auch selbst geheilt? Oder wie haben sie selbst im Gespräch mit Gläubigen ihren Glauben festigen können?
Da ist der junge Lehrer, der mit seiner ersten Berufserfahrung nicht hinterm Berg hält. Und von einem anderen hören kann, dass auch er das erste halbe Jahr wirklich hart fand. Und da ist der erfahrene Arbeiter, dem ein anderer sagt, dass der Wechsel auch für ihn keine leichte Sache war. Und beide nehmen vielleicht mit: Du schaffst das. Du hast gutes Handwerkszeug im Gepäck. Du wirst lernen es gekonnt einzusetzen. Du bist begabt.
Da ist die Frau kurz nach der Trennung, die sich nicht im Selbstzweifel einschließt und von einer anderen hört, dass auch sie so eine Trennung einmal völlig aus der Bahn geworfen hat. Und sie
nimmt vielleicht mit: Lass das nicht an deinen Grundfesten rütteln. Du bist ein liebevoller Mensch und du wirst geliebt, so wie du bist.
Da ist der Mann, der den Schmerz seiner Trauer nicht versteckt und von einem anderen hört, dass auch für ihn damals alles zusammen gebrochen ist. Und er nimmt vielleicht mit: Die Wut auf Gott und die Welt, die darfst du zulassen. Aber sie wird dich nicht auffressen. Du bist Gott nicht egal. Niemals.
Vielleicht sind es nicht wirklich die Fragen und die Ängste der Zwölf, die mich interessieren, sondern ihr Umgang damit interessiert mich. Wie kommen sie auf das zurück, was ihnen wirklich mitgegeben ist? Wie verlieren sie im Wust des Lebens nicht den Überblick und den Mut darauf zurück zu greifen? Und vor allem: Mit wem und an welchen Punkte ihres Weges gelingt ihnen das: Sich besinnen auf das, womit sie begabt sind- Besinnung auf das, zu dem sie kein geringer als Gottes Sohn, Gott selbst ausgestattet hat.
Wie kann uns das zu Zeiten gelingen? Besinnung auf das, was uns halten kann, wenn alles wankt; wenn die Zweifel kleiner oder größer sind; wenn wir uns dem Leben nicht gewachsen fühlen; wenn die Anforderungen scheinbar höher sind als unsere Ausstattung. Ich denke, es geht nur im Miteinander. Im Miteinander mit unseren Nächsten und mit Gott.
Die Zwölf werden nicht alleine losgeschickt, sondern mit Vollmacht und mit mindestens einem anderen neben sich. Einem, der auch keine Schuhe trägt. Die Zwölf werden nicht zuerst an die Enden der Welt geschickt, sondern zu den Verlorenen. Zu denen, die einmal ihre Brüder und Schwestern waren.
Das eine oder andere Mal im Leben braucht sicher jeder von uns einmal einen, der mit ihm geht. Auch ohne Schuhe. Auch ohne große Worte. Das eine oder andere Mal sind wir vielleicht froh über jemanden, der den Blick nicht bis zum Horizont schweifen lässt, sondern uns ansieht. So, wie wir sind. Da, wo wir sind. Das eine oder andere Mal im Leben sind wir vielleicht dankbar, wenn wir miteinander wieder zur Besinnung kommen können. Und wenn wir so oder so erkennen: da ist der unzerstörbare Grund und auf dem gehen wir – auf alten und auch auf neuen Wegen, weil wir eben nicht alleine dastehen.
Lassen Sie uns singen: „Ich möcht, dass einer mit mir geht“ – EG 209.
Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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