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10.02.2019

Predigt zu Mk 4,35-5,1 am 10.02.2019 in Bad Frankenhausen (Nadine Greifenstein)

Land unter – Durch die Nacht

 

Predigt über Mk 4,35-5,1 / 10.02.2019 / Bad Frankenhausen

 

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen.

Sie sitzt auf der Kante ihres Bettes und schaut auf ihre nackten Füße. Sie spürt die Unruhe in ihrem Bauch, in ihrem ganzen Körper. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis.

Es sind nur Fragen, keine Antworten: Was ist das? Woher kommt das? Was kann man dagegen machen? Warum ich?

Sie blickt auf die Uhr an der Wand; es ist kurz nach neun.

Eine Schwester kommt herein. Ihr Klopfen hat sie gar nicht gehört, konnte es gar nicht hören, weil ihr aufgeregtes Herz so laut klopfte in der eigenen Brust.

Wortlos stellt die Schwester Wasser auf ihren Nachttisch, nickt freundlich und geht wieder.

Wieder nichts.

Wieder kein Wort. Wieder keiner, der ihr etwas sagt, keiner, der etwas sagen kann.

Viele kommen und gehen an diesem Vormittag,

kommen an ihr Bett, sehen sie an und reden, erklären, aber keiner kann ihr etwas sagen, keiner hat ein Wort, dass den Sturm in ihrem Innern stillen kann.

Kein „Fürchte dich nicht!“, keine Ruhe, kein Mut, der ihre Angst irgendwie in Worte bringt.

Sie wird auf- und abgeworfen in einem Meer aus Ungewissheit und Bangen, ist scheinbar allein auf hoher See, mitten im Ozean der Ohnmacht und Ratlosigkeit.

Land unter für sie und ihre Hoffnungen. Und keiner macht ein Feuer an, damit sie finden kann, wonach ihre Augen so verzweifelt suchen:

ein sicherer Punkt am Horizont, auch wenn er weit entfernt sein wird,

ein Punkt, auf den sie Kurs nehmen kann, der wieder Orientierung gibt.

Etwas, woran sie sich halten kann, auf das sie ihre Kräfte richten kann, irgendetwas, das ein Ende in dieser Endlosigkeit in Aussicht stellt.

Ein „Fürchte dich nicht“ mit dem die Macht wieder kommt und der Mut ihre Angst irgendwie in Worte zu bringen.

Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans andre Ufer fahren.

Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm.

Und es erhob sich ein großer Windwirbel, und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde.

Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Verstumme! Und der Wind legte sich und es ward eine große Stille.

Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

Und sie fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind!

 

Liebe Gemeinde,

 

Da sind Menschen mitten drin in einem Sturm. Und jeden einzelnen von ihnen überkommt die Angst, Angst ums Überleben.

Ein anderer ist mitten unter ihnen und liegt hinten im Boot und schläft.

Alle an Bord haben viel erlebt an diesem Tag, viele Gespräche, viele Gesichter, Fragen und Begegnungen. Nun versuchen sie das alles hinter sich zu lassen, suchen Stille nach den Anstrengungen des Tages. Sie fahren hinaus aufs Wasser, bringen Abstand zwischen sich und den Tag, Abstand, durch den sie wieder zu Kräften kommen wollen.

Sie suchen Ruhe, doch was sie finden, ist das ganze Gegenteil davon.

Ein Sturm kommt auf, die Wellen schlagen hoch und werfen sie auf und ab. Sie werden zum Spielball in einem Meer aus Ungewissheit und Bangen, Ohnmacht und Ratlosigkeit breiten sich um sie aus, weit wie ein Ozean. Land unter für sie und ihre Hoffnung nach Stille.

Um sie herum türmen sich die Wassermassen und in ihren Herzen wächst die Verzweiflung heran. Angst unterzugehen, Angst das alles nicht zu überleben.

Und der andere, mitten unter ihnen, liegt hinten im Boot und schläft.

 

Kaum zu glauben, dass er da liegt und schläft – in seliger Ruh; glücklicher Schlaf. Schlaf im Vertrauen?

Zieht er sich die Decke über den Kopf? Will von alle dem nichts mehr hören und sehen? Du sollst uns retten! Nun mach schon! Du kannst es!

Bei allem Elend, was zum Himmel schreit soll immer wieder er es sein?

Die, die Hunger haben und Not leiden, die unheilbar Kranken und jämmerlich Vereinsamten, die, die keinen Schritt mehr tun können und mit ihrem Leben nicht ein noch aus wissen.

Allen Hass, alle Gewalt, allen Unfrieden und all die Missgunst unter den Menschen. Kann er es einfach nicht mehr ertragen – der Wundertäter, der Heiler? Überfrachtet mit Erwartungen und Ansprüchen – nicht nur von den Menschen. Wie viel können sie tragen, die Schultern des Friedefürsten, auf denen die Herrschaft ruhen soll?

Kann man das fragen und darf man das fragen? Ich stelle mir diese Frage.

 

Manchmal zerbrechen Menschen an der Last der Welt, an sich selbst. Sie gehen scheinbar unter, die Wogen schlagen über ihnen zusammen, sie verschwinden vor unseren Augen. Manchmal ist das so in Stürmen.

Kann man nicht auch irgendwann verzweifeln und zusammenbrechen unter der Last der Welt, dieser Welt, auch als Gottessohn? Die Last, die die Welt sich auflädt - in Verfolgung und Hetze, Hass und Eitelkeit, Selbstsucht und Missgunst, Gewalt und Zerstörung, die Last aus allem, was gegen Gott selbst spricht und gegen das höchste Gebot: liebt mich und euren Nächsten wie euch selbst!

Kann man das nicht einfach auch irgendwann mal satt haben, immer der Retter für alle großen und kleinen Befindlichkeiten zu sein, weil die Menschen es in dieser Welt einfach nicht auf die Reihe kriegen zur richtigen Zeit einmal einen Schritt von sich selbst zurück zu treten?

Ich weiß nicht, was Jesus in manchem Moment seines Lebens mit den Menschen denkt oder fühlt. Aber irgendwie höre ich ihn selbst rufen: Mach die Feuer an, damit ich dich finden kann! Rette uns durch diesen Sturm! Diese Menschen, wir hier, wir sind in Not. Wir saufen ab, wenn du uns nicht zeigen kannst, wo wir sicher sind. Wenn du mir nicht zeigst, Vater, wie ich uns rette.

Fass mich ganz fest an, damit ich mich halten kann! Hör ich ihn rufen, tief in seinem Herzen. Fass mich ganz fest an, damit ich mich halten kann! Und später, viel später, höre ich ihn rufen: Bring mich zu Ende! Lass mich und lass uns nie wieder los!

 

Jesus kommt in dieser Erzählung als souveräner Wundertäter, als Fels in der Brandung vor. Er ist konzentriert und erfolgreich. Wortlos steht er auf, als die Menschen an Bord ihn rufen und sagen: Fragst du nichts danach, dass wir umkommen?

Die Jünger sehen ihn handeln, hören seine Machtworte über den Sturm und erleben, wie die Stille und Ruhe einkehrt, wie die Bedrohung von ihnen weicht und sie ihre Angst ablegen.

So, wie die Jünger ihn erleben, in dem, was sie von ihm hören und sehen ist er der Held, der Retter.

Ich glaube aber, im Kern, im Herzen, teilt er die Angst der Menschen, die mit ihm an Bord sind. Er weiß von der Angst in jeder Faser seines Herzens, sonst hätten seine Worte nicht die Gewalt über den Sturm.

Wie ist das mit uns in tiefer Angst und in Bedrohung, die wir uns heute am Sonntagvormittag nicht vorstellen können? Trauen wir Gott wirklich zu, dass er unsere Ängste in jeder Faser unseres Herzens kennt und dass er sie ernst nimmt?

Wie ist das mit uns? Trauen wir uns selbst von ganz innen zu rufen: mach die Feuer an, damit ich dich finde kann – fass mich ganz fest an, damit ich mich halten kann, lass mich nie wieder los!

Trauen wir uns das? Uns ganz ehrlich und ganz echt vor Gott zu zeigen?

 

Wir zeigen uns und geben unsere Ängste preis, wenn wir das tun. Wir zeigen, was unsere Abgründe sind. Wir legen alles Streben nach Souveränität ab, verlassen die eigene Macht um uns auf Gott zu verlassen.

 

Nachdem der Sturm sich gelegt hat fragt Jesus die Menschen auf dem Boot: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? Das klingt sehr vorwurfsvoll in meinen Ohren. Ein bisschen nach: stellt euch nicht so an! Ihr solltet doch als allererste vertrauen können. Jeden Tag hört ihr, was ich lehre, seht, welche Kraft Gottes Macht in dieser Welt hat!

Ich höre hier auch die Frage: was ist denn eigentlich eure Angst?

Und ich höre die Ermutigung: habt doch das Vertrauen auch eure tiefste Angst vor Gott auszubreiten.

Ich höre da ein: Fürchtet euch nicht! das Jesus den Jüngern hier zuspricht.

 

Ich höre Jesus sagen: Gott vergisst euch nie und wird euch niemals preis geben! Auch in Stürmen wie diesem, wenn ihr meint unterzugehen und voreinander scheinbar versinkt.

Menschen geben Menschen preis, klammern sich an ihre eigene Macht, vergessen einander, zerstören den letzten Rest Vertrauen. Gott tut das nicht. Was also seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

 

Ich höre ihn auch sagen: Gebt eure Ängste preis. Und zeigt, was eure Abgründe sind, dann verlasst ihr euch auf Gottes Macht.

Auch ihr könnt zum Fels in der Brandung werden, wie einer, der dem Sturm mit Heldenworten entgegentritt. Ihr könnt Gott zutrauen, dass er von jeder Regung in jeder Faser eures Herzens weiß und dass ihr ihm nicht egal seid.

 

Wir sind Gott nie egal. Auch dann nicht, wenn wir mit dieser Welt nicht zurande kommen, wenn wir geschockt daneben stehen und nichts ausrichten könnten, wenn wir wie gelähmt am Boden liegen, wenn wir in allem Reichtum so ärmlich und erbärmlich sind, wenn wir mit dieser Welt einfach nicht fertig werden und an ihr verzweifeln möchten, wenn wir scheinbar versinken.

 

Ein gestillter Sturm gibt nicht das Versprechen, dass nie wieder einer aufkommen wird. Abgelegte Angst bewirkt nicht, dass nie wieder welche aufsteigen wird. Aber die Erfahrung des gestillten Sturms und der abgelegten Angst zeigt:

da ist ein „Fürchte dich nicht“ für uns und das ist echter Beistand für uns.

 

Der Beistand legt Stürme, legt Ängste, er wischt sie nicht weg, aber bringt sie zu einer Ruhe, in der sie nicht mehr zur existenziellen Bedrohung werden und uns grundsätzlich infrage stellen.

Ein gelegter Sturm macht nicht alles auf einmal heil, wirkt nicht so, als wäre nichts gewesen und ist nicht das Versprechen, dass nie mehr wieder ein Sturm aufkommen wird. Er ist vielmehr das Versprechen: auch im nächsten Sturm wird Gott bei dir sein, und auf dich hören.

 

Wenn ich die Erzählung von der Sturmstillung höre, dann ist da ein „Fürchte dich nicht“. Und das macht Mut die eigene Angst zu zeigen, die Feuer zu sehen, die für uns brennen, uns ganz fest anfassen zu lassen, damit wir uns halten können, nie wieder los gelassen werden und zu Ende gebracht werden.

 

Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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