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04.11.2018

Predigt am 04.11.2018 in Bad Frankenhausen (Magdalena Seifert)

Liebe Gemeinde,

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat …“

Das schreibt der Apostel Paulus seinen Freunden in der christlichen Gemeinde in Rom um das Jahr 50 n.Chr. – die Gemeinde ist zu dieser Zeit noch ganz jung. Sie hat sich gerade erst gegründet. Sie ist noch klein. Und sie sucht ihren Platz in der riesigen Weltstadt Rom mit den unzähligen Tempeln und Palästen.

Unter diesen Palästen sticht einer besonders hervor – das ist der des berühmten und berüchtigten Kaiser Nero.

Und dieser Palast ist im Grunde genommen auch ein Tempel.

Denn Kaiser Nero läßt sich anbeten wie einen Gott. Er ist gerade erst an die Macht gekommen, aber er residiert mit harter Hand.

Wer sich der Anbetung widersetzt, der hat mit Verfolgung und Strafe zu rechnen.

Die christliche Gemeinde von Rom wird diese Verfolgung am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Kaiser Nero wird den Brand von Rom anzetteln und das zum Anlaß nehmen, die Christen in Rom auszulöschen.

Auch Paulus, der wegen seiner Verkündigung immer wieder gefangengenommen wird und in den Gefängnissen des römischen Reiches festgesetzt wird,

auch Paulus wird um das Jahr 60.n.Chr. getötet werden von den Herrschenden in Rom.

Wenige Jahr zuvor hatte er den Christen in Rom geschrieben:

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat …“

Wie passt das zusammen ?

War Paulus blind für die Zeichen der Zeit ?

Hat sich seine Meinung zu den Obrigkeiten dieser Welt im Lauf der Jahre geändert ?

Jedenfalls hat uns der Apostel mit seinem 13.Kapitel des Römerbriefes eine heftige Aufgabe gestellt.

Ein Theologe hat einmal gesagt: „Kein Satz der Bibel hat eine solche Rolle gespielt in der Geschichte der christlichen Kirche wie der von Paulus „jedermann sei untertan der Obrigkeit“

Und kein Satz der Bibel ist zugleich auch so umstritten.

Dem kann ich aus meinem eigenen Erleben nur zustimmen.

Denn viele Jahre lang ist dieses „jedermann sei untertan der Obrigkeit“ wie ein rotes Tuch für mich gewesen.

Ich konnte nicht verstehen, warum so ein Satz in der Bibel steht.

Und ich war nicht bereit, der Obrigkeit, die ich als Schulkind und Jugendliche in der DDR erlebte, untertan zu sein.

Schon dieses Wort „untertan sein“ fand ich schrecklich.

Aber, liebe Gemeinde, es steht tatsächlich so da. Das griech. Wort hypotasso heißt „sich unterwerfen“.

In manchen Übersetzungen liest sich das anders – z.Bsp. „jeder leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehorsam.“

„Gehorsam sein“ klingt nicht ganz so schroff wie „untertan sein“.

Aber Paulus hat es wirklich so gemeint: „untertan sein“

Doch wer ist schon gern ein Untertan ?

Das läßt einem ja überhaupt keinen Spielraum. Da kann man nur zustimmen und abnicken.

Und etwa so war das in meiner Schulzeit üblich – und da sage ich Ihnen ja gar nichts Neues:

alle sollten den Programmen von Partei und Regierung zustimmen.

Möglichst jedermann sollte sich beteiligen an Pionieren und FDJ, an den Wahlen …

Es sollten immer 100 % sein. Alles andere wurde voller Argwohn beobachtet.

Es gibt viele Lebensgeschichten, denen durch diesen Zwang Schaden zugefügt worden ist.

Und manche sind daran zerbrochen.

Wie kann es da in der Bibel heißen – „jedermann sei untertan der Obrigkeit“ ?

Wenn es nur dieser eine Satz wäre, liebe Gemeinde, den der Apostel Paulus zu unserer Rolle als Christen und als Gemeinde in der Welt zu sagen hat,

dann wäre ich mit großer Sicherheit nicht Pfarrerin geworden.

Dann hätte ich mich weiter abgearbeitet an diesem Wort des Apostels und hätte es als eine ungeheure Zumutung empfunden,

wenn mir gesagt wird: sei untertan der Obrigkeit !

Und wenn ICH das schon als eine Zumutung empfinde,

dann frage ich mich:

wie geht es denen, die die Gewalt der Obrigkeit in aller Härte erleiden müssen ?

Die Elendsgeschichten unseres Jahrhunderts sprechen da ihre eigene Sprache.

Wenn Menschen ihr Leben lang auf der Flucht sein müssen,

wenn sie vertrieben werden aus ihrer Heimat von denen, die als Obrigkeit eigentlich für ihr Leben und für ihr Wohl sorgen müßten.

Oder wenn Männer und Frauen, die sich einsetzen für Gerechtigkeit und Versöhnung, gefoltert und getötet werden von ihrer Obrigkeit.

Dann sollen diese Obrigkeiten von Gott eingesetzt sein, wie Paulus schreibt ?

Nein, das kann nicht sein.

Für mich war es mit meinen Fragen zu diesem großen Thema deshalb eine ungeheure Befreiung, als ich bei der Beschäftigung mit der Bibel auf ein Wort des Apostels Petrus stieß, das uns in der Apg. überliefert ist.

Da wird erzählt, wie Petrus und andere Apostel in Jerusalem gefangen genommen wurden wegen ihrer Predigt über den auferstandenen Christus.

Sie werden dann vor den Hohen Rat zitiert und müssen über ihre Predigt Rechenschaft geben.

Sie werden gefragt, wie sie eigentlich dazu kommen, Jesus Christus den König der Welt zu nennen und ihren Herrn.

Ihr Herr sei schließlich der Kaiser von Rom.

Und da antwortet Petrus mit dem bemerkenswerten Satz:

„Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Man muß Gott auch mehr gehorchen als dem Kaiser und allen anderen Obrigkeiten.

„Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“.

Das hat mich als Jugendliche sehr beeindruckt.

Das ist eine klare Ansage für mich als Christin in der Gesellschaft.

Das kann ich predigen.

„Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“, sagt Petrus.

Ob auch Paulus das so sagen würde ?

Wie verhalten sich diese beiden Worte, die wir beide in der Bibel finden, zueinander ?

Auf der einen Seite: jedermann sei untertan der Obrigkeit, denn sie ist von Gott eingesetzt.

Und auf der anderen Seite: man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Welche Aussage ist näher dran an dem, was Jesus gepredigt hat ?

Welche Aussage entspricht unserer Aufgabe als christlicher Gemeinde in unserer Welt mehr ?

Wenn wir die Geschichte unserer christlichen Kirche betrachten, dann sehen wir, wie die Antwort auf diese Fragen immer wieder diskutiert worden ist und unterschiedlich ausgefallen ist.

Und auch heute gibt es durchaus unterschiedliche Meinungen, wenn es um die Frage geht:

Unsere lutherische Tradition hat sich gerade mit dem Thema des Widerstandes gegen die Obrigkeit sehr schwer getan.

Und das liegt zu einem wesentlichen Teil an Martin Luther – denn er hatte in den Wirren der Reformation die Fürsten beauftragt, für Ordnung zu sorgen, selbst in der Kirche.

Er hat die Macht der Obrigkeit genutzt, um die Reformation durchzusetzen – auch das gehört zur Geschichte unserer Kirche. Und diese Nähe zur Obrigkeit hat ihre schlimmen Folgen gehabt.

Etwa in der Zeit des Nazi – Regimes.

Da dachte die Bewegung der Deutschen Christen, die Nähe zur Macht Hitlers würde auch den Kirchen zu neuer Macht verhelfen. Und die evangelische Kirche in Deutschland hat sich zu einem großen Teil verstrickt in der Schuld dieser Zeit.

Das spaltete auch Gemeinden – wie hier in Bad Frankenhausen.

Da war der junge Pfarrer Friedrich Winter am 1.Januar 1933 nach Bad Frankenhausen gekommen und fand hier eine DC-Gemeindeleitung und mit Oberpfarrer Gerber einen Kollegen vor, der sein Deutsch-Christentum vehement vor sich hertrug. Pfarrer Winter gehörte nicht zur Bekennenden Kirche, aber er lehnte die Deutschen Christen ab. So kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen, die schließlich darin mündeten, dass er aus Bad Frankenhausen vertrieben wurde.

Gerade in diesem November werden wir mit dem Gedenken an das Ende des 1.Weltkrieges vor 100 Jahren und an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren daran erinnert, wie unsere Kirche sich da beteiligt hat:

„Gott mit uns“ stand auf den Koppelschlössern der Soldaten, die in den 1.Weltkrieg zogen.

Und in Eisenach wurde von der Kirchenleitung der Thüringer Kirche im Mai 1939 das sogenannte Entjudungsinstitut gegründet. Das hatte sich das Ziel gesetzt, alles „jüdische“ aus der Bibel, dem Gesangbuch, den kirchlichen Schriften zu entfernen.

Und man berief sich bei alledem auf die Worte von Paulus: jedermann sei untertan der Obrigkeit.

Das sind bis heute sehr dunkle Kapitel in der Geschichte unserer Kirche.

Es ist deshalb sehr wichtig, auch DAS wahrzunehmen:

Wie Christen schon in der Nazi-Zeit diesem blinden Gehorsam gegenüber der Obrigkeit widersprochen haben.

Und wie sie ganz andere Schlüsse aus den Worten des Apostels Paulus gezogen haben.

z.Bsp. in der Barmer Theologischen Erklärung von 1934.

dort wird direkt Bezug genommen auf Römer 13.

Es heißt: die Schrift sagt uns, dass der Staat nach göttlicher Ordnung die Aufgabe hat, in der noch nicht erlösten Welt, in der auch die Kirche steht – für Recht und Frieden zu sorgen.

….

Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat seiner Anordnung an.

Doch wir verwerfen die falsche Lehre, als könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung des menschlichen Lebens werden …

Und wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus sich staatliche Aufgaben aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.

Das sind deutliche Worte:

der Staat hat die Aufgabe, für Recht und Frieden zu sorgen

aber er darf nicht zur einzigen Ordnung des menschlichen Lebens werden

und – die Kirche darf sich dem Staat nicht gleich machen

Noch einmal zurück zu Paulus.

Wenn wir uns den gesamten Brief anschauen, den er an die Gemeinde in Rom geschrieben hat, dann wird deutlich,

Paulus wollte mit seinem Worten über die Obrigkeit nicht zu einem blinden Gehorsam aufrufen  oder zu einem blinden Untertansein dem Staat gegenüber.

Paulus hat es abgelehnt, den Kaiser anzubeten wie einen Gott.

Für ihn war klar – der Kaiser kann niemals an die Stelle von Jesus Christus treten.

Jesus Christus ist der Herr der Welt und Jesus Christus ist der Herr meines Lebens.

Davon schreibt er zuerst in seinem Brief. Dazu hat er gestanden bis zu seinem gewaltsamen Tod.

Und wenn das klar ist, liebe Gemeinde,

dass Jesus Christus der Herr meines Lebens ist, dann weiß ich auch, wie ich in der Welt leben kann. Und dass die Worte Jesu mein Maßstab sind für das Zusammenleben mit den anderen in der Gesellschaft.

So, liebe Gemeinde, kann ich leben mit diesem nicht einfachen 13.Kapitel des Römerbriefes.

Und dazu gebe Gott seinen Segen. Amen.   

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