zum Inhalt

Sie sind hier: Glaube und Leben > Andachten > Geistliches Wort

Andachten

« zur Übersicht

28.12.2019

Geistliches Wort

Auszug alles Fremden

Wenige Tage vor Heilig Abend war es, als ein paar besonders deutsche Deutsche durch die Straßen torkelten und grölten. Sie warfen die Scheiben des Döner-Imbisses ein. Sie sprühten auf Hauswände „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“.

Als sie ihr Mütchen gekühlt und ihren Mut in der Horde bewiesen hatten, trollten sie sich. Es trat Ruhe ein. Die Gardinen besorgter Bürger wurden wieder zugezogen. Keiner hatte etwas gesehen.

Da waren Stimmen zu vernehmen, obgleich niemand zu sehen war.

„Kommt, wir gehen. Es reicht!“

„Was hast Du für Vorstellungen? Was sollen wir da unten im Süden? Hier ist unsere Heimat nicht dort.“

„Aber hier wird es immer schlimmer, hast Du nicht gehört was sie grölten? Siehst Du nicht, was jetzt an der Hauswand steht? Sie meinen uns alle!“

Und wirklich. Nun kam Bewegung in die Stadt, die sonst so verschlafen war, dass die Wolken in den Bäumen hängen blieben.

Die Türen aller Geschäfte gingen auf. Heraus kamen Kakaopäckchen, Schokolade und Pralinenschachteln. Sie sahen so schön aus in ihren Weihnachtsgewändern. Sie wollten nach Ghana und Westafrika, denn dort kamen sie her.

Dann kamen die Kaffeepakete, endlose Schlangen, der Deutschen Lieblingsgetränk! Sie gingen nach Uganda, Kenia und Lateinamerika zurück.

Ananas, Bananen, Sharon und Mango stiegen aus ihren Kisten. Auch Erdbeeren und Weintrauben folgten ihnen, denn auch sie waren Ausländer im Dezember und kamen aus Südafrika und Argentinien. Mithin alle Weihnachtsleckereien machten sich auf den Weg. Pfeffernüsse, Zimtsterne, Spekulatius – die Gewürze in ihrem Inneren zog es zurück in die Heimat, nach Indien.

Der Dresdner Christstollen war hin- und hergerissen. Wer genau hinsah, nahm Tränen in seinen Rosinenaugen wahr als er sagte: „Mischlingen wie mir geht es immer besonders an den Kragen.“ Da half auch der Trost des Lübecker Marzipans und der Nürnberger Lebkuchen nicht, die ebenso Mischlinge waren. Nicht die Qualität zählte. Allein die Herkunft zählte jetzt.

Am folgenden Tag ging gar nichts mehr, die Straßen waren verstopft. Lange Schlangen japanischer, südkoreanischer und chinesischer Autos, voll von Optik und Unterhaltungselektronik, von Bauteilen aus Israel, aus Taiwan und allerorten außerhalb Deutschlands zog es in die „Heimat“ hinaus.

Am Himmel flogen die polnischen Hafermastgänse zurück in die Heimat und entkamen dem deutschen Kochtopf, der eigentlich aus Rumänien stammte und sich auch auf den Weg dorthin zurück machte. Den Gänsen folgten feine Seidenhemden und Teppiche, die ebenso auf dem Luftweg nach Asien zogen.

Auf den Straßen gab es eine große Rutschgefahr, denn aus Tankstellen und Läden flossen Öl, Diesel, Benzin und andere Petrolprodukte in Richtung Naher Osten. Aus Rinnsalen wurden Bäche, aus Bächen Flüsse, aus Flüssen Ströme, nichts blieb mehr hier.

Aber die ausgenüchterten Deutschen von abends zuvor, hatten Pläne gemacht. Sie wähnten sich sicher. Die Krisenpläne wurden ausgerollt und gesagt: „wir waren schon immer führend, wir haben den Holzvergaser optimiert. Mit Vergase(r)n kennen wir uns aus. Wir brauchen kein ausländisches Öl!“

Doch die Autos lösten sich vor Ihren erstaunten Augen auf. Sie zerfielen in ihre Einzelteile, denn sie hatten sie aus Kosten- und Optimierungsgründen aus aller Herren Länder bezogen. Das Aluminium machte sich auf den Weg nach Jamaika, das Kupfer nach Somalia, ein Drittel der Eisenteile nach Brasilien, der Naturkautschuk nach Zaire. Und die Straßendecke hatte mit dem ausländischen Asphalt im Verbund auch immer einen besseren Eindruck gemacht als jetzt. Jetzt riss der Belag auf und Schlagloch gesellte sich an Schlagloch.

Drei Tage dauerte es. Dann war Ruhe. Endlich waren die Inländer unter sich, der Auszug geschafft. Gerade rechtzeitig zum Weihnachtsfest. Das neue Jahr konnte auch beginnen, endlich „Deutschland den Deutschen“, so wie es auf der Hauswand stand. Nichts Ausländisches war mehr da.

Tannenbäume gab es noch, auch Äpfel und Nüsse. Mit einer Ausnahmegenehmigung durfte das Lied „Stille Nacht“ gesungen werden, denn das kommt eigentlich aus Österreich.

Zum Jahreswechsel gab es auch kein Feuerwerk, die Feinstaubbelastung sank deutlich ab, schon wegen der fehlenden Autos, Motorräder und Flugzeuge. Die Böller waren nach China und Polen ausgewandert, der Champagner nach Frankenreich, der Kaviar nach Russland und „Dinner for one“ wurde nur noch in England gespielt. So richtig wollte keine Stimmung aufkommen

Nur eines passte nicht ins Bild. Maria, Josef und das Kind waren geblieben. Drei Juden. Ausgerechnet drei Juden. „Wir bleiben“ sagte Maria, „wenn wir aus diesem Lande gehen – wer will ihnen dann noch den Weg zurück zeigen, den Weg zurück zur Vernunft – und zur Menschlichkeit?“

(nach dem „Märchen vom Auszug aller Ausländer“ von Hellmut Wöllenstein)

Ihnen einen nachdenklichen Start ins Wochenende und einen guten Start im/Rutsch (Rosch Haschana) ins neue(n) Jahr.

Kristóf Bálint, Superintendent

« zur Übersicht

 
Impressum Datenschutz
Volltextsuche
Gemeindesuche
Veranstaltungen Januar 2020
So Mo Di Mi Do Fr Sa
      01 11 02 03 04 1
05 15 06 07 2 08 1 09 10 1 11 2
12 18 13 1 14 1 15 16 17 18 1
19 17 20 21 1 22 23 24 3 25 3
26 14 27 1 28 2 29 1 30 1 31 1  

Hinweis auf ...


Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Datenschutzerklärung
Ok, verstanden