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24.08.2018

Lichtblick

Leben heißt lernen

Nun hat sie wieder begonnen, die Schule. Die gelben Plakate fordern deutlich und zu Recht, auf die Kinder Acht zu haben. Beklagenswert, dass es dafür eigens Plakate braucht und wir das nicht täglich und an allen Tagen im Jahr ganz selbstverständlich tun, sondern dazu aufgefordert werden müssen. Doch die Unfallstatistiken scheinen die Notwendigkeit zu begründen.

Kinder gehen zur Schule, sollen fürs Leben lernen. Eltern fiebern mit Ihren Kindern mit und übertreiben es manchmal mit der Fürsorge, wenn wir Lehrern und Direktoren zuhören, die davon erzählen, dass Eltern ihre Kinder bis ins Klassenzimmer begleiten. Da wünschten sich nicht nur die Lehrer etwas mehr Zutrauen der Eltern zu ihren Kindern, denn wie sollen sie selbständig werden, wenn sie sich ständig nicht selbst beweisen dürfen!

Natürlich ist es schwer loszulassen, genau genommen ist es wie eine zweite Geburt, der nach der Pubertät die dritte und beim eigenen Tod die vierte folgen wird. Deshalb, ruhig jetzt schon mal üben und Vertrauen wagen – in das eigene Kind und in die eigene Erziehung.

Fürs Leben lernen, dass hören Kinder und Jugendliche oft, wenn ihnen partout nicht einleuchtet, diese mathematischen Rechnungen, diese chemischen Verbindungen, diese physikalischen Hebelsätze auswendig lernen zu müssen. Oft hören sie dann: „Du lernst nicht für die Schule, für die Lehrer oder die Eltern, sondern für Dein Leben.“ Das aber steht genau in Frage, wenn ein Zwölfjähriger nicht einsehen kann, warum dieses und jenes nötig ist, weil sein Horizont einfach noch nicht groß genug ist und sein kann.

Doch wir lernen eine ganze Menge in der Schule – ich meine neben dem Lehr- und Lernstoff. Wie verhalte ich mich sozial angemessen in der Gruppe? Wie gehe ich mit Außenseitern um und was mache ich, wenn ich zu den Außenseitern gehöre? Was mache ich, wenn von mir Dinge gefordert werden, um zu einer „angesagten“ Gruppe dazuzugehören (z.B. Diebstahl als Mutprobe)?

Hier haben Lehrer eine unglaublich große Verantwortung, denn Sie müssen mit viel Fingerspitzengefühl Situationen erspüren, auf Kinder und Jugendliche eingehen und präventiv agieren, um evtl. autoaggressive Handlungen oder Ausbrüche von verbaler oder körperlicher Gewalt zu verhindern.

Doch noch viel mehr als die Lehrer haben die Eltern, Großeltern und die ganze Familie darüber hinaus Verantwortung. Sie an die Lehrer abzugeben, wie es in der DDR weithin der Fall und vom System auch gewollt war, geht nicht.

Karl Valentin, einer der wirklich großen und klugen Komiker, sagte einmal: „Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen. Sie machen uns ohnehin alles nach!“ Das hat Tiefgang und ist nur auf den ersten Blick falsch. Erziehung währt das ganze Leben. Selbst mancher Erwachsene muss noch erzogen werden, weil er oft zu spät kommt, sich falsch und ungesund ernährt oder unhöflich ist. Da braucht es im schlimmsten Fall einen Denkzettel des Chefs, eine Krankheit oder eine klare Ansage der beleidigten Person, wenn sie sich traut, damit der Erwachsene etwas lernt und „aus Schaden klug wird“.

Wir geben mit unserem Vorleben ein beredtes Zeugnis unseres Denkens. Die Eltern mit der Zigarette in der Hand können ihrem Sohn hundertmal erklären, wie ungesund das Rauchen ist. Sie sind unglaubwürdig.

Die in der Öffentlichkeit den Lehrer infragestellenden Eltern ebenso wie die Eltern, die ihre Kinder prinzipiell in Schutz nehmen, ohne deren Anteil an einem Konflikt/Problem kritisch und auch mit Konsequenzen belegt zu hinterfragen. Kinder lernen sehr schnell wie und wann sie ihre Eltern „im Sack haben“. Dann braucht es sehr viel mehr Kraft, sie dauerhaft vom Gegenteil zu überzeugen, als wenn Eltern immer gleich konsequent handelten.

Leben heißt lernen. Das fängt nicht erst in der Schule an, sondern beginnt schon nach der Geburt. Es ist ein lebenslanger Prozess. Wenn jemand von sich behauptet, er hätte genug gelernt und wüsste wie es (Thema je nach Belieben) geht, dann ist Vorsicht geboten.

Das fällt mir in der Politik auf, wo Politiker, die wenige Monate im Amt sind, schon sogenannten „Altparteien“ nassforsch vorwerfen, sie wüssten nicht wie es ginge, sie aber wohl. Ihnen schriebe ich gern ins Stammbuch: „Leben heißt lernen“ und nicht „heiße Luft produzieren“ und „Phrasen dreschen“.

 „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Dieses vermutlich auf Cicero in seinem literarischen Dialog Academici libri quattuor zurückgehende und in der Antike unter Gebildeten geflügelte Wort, bringt es auf den Punkt. Während es heute als chic gilt, zu behaupten, die Lösung zu haben, die Wahrheit zu kennen etc., haben gebildete Menschen schon vor über 2.000 Jahren gewusst, dass sie die Wahrheit nicht wirklich kennen. Je mehr sie verstanden, umso mehr Fragen taten sich ihnen auf.

Deshalb, lasst uns gemeinsam nach dem höchsten Wissen streben, uns gegenseitig nichts absprechen, gut und um den anderen bemüht argumentieren, sachlich auf höchstem Niveau, Menschen einladen, nicht auf einfache Antworten noch einfacherer Geister hereinzufallen. Lasst uns gemeinsam im Bemühen eins sein, dabei für alle zu denken und soziale Gerechtigkeit zu leben, die keinen zu kurz kommen lässt.

Lasst uns vor allem leben und lernen unter der Ansage aus Ps. 91,1f: 1Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, 2der spricht zu dem HERRN: / Meine Zuversicht und meine Burg, mein GOTT, auf den ich hoffe.“

Mit diesem Fundament kann uns Nichts geschehen, stehen wir auf festem Grund, selbst wenn er zuweilen ins Wanken kommen sollte.

Ein gesegnetes und nachdenkliches Wochenende wünsche ich Ihnen,

Superintendent Kristóf Bálint

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