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Andachten

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25.10.2019

Lichtblick

Achte auf Dich und sei Dir bewusst

Unlängst wurde ich Teil einer Menge. Einer Menge von Menschen. Einer Menge von Gleichgesinnten. Einer Menge von Ungleichgesinnten. Einer Menge von Brüllenden. Einer Menge von Pfeifenden. Einer Menge von Hörenden und Nichthörenden. Ich war gleichzeitig Teil all dieser Mengen. Und doch war ich „Ich“. Kritisch und selbstkritisch.

Mir wurde in allen diesen Mengen deutlich, wie zerrissen viele Menschen sind. Hin- und hergerissen von all den Wahrheiten, die ihnen offeriert werden. Die die anderen Einsichten als „Fake-News“ abtun oder verteufeln. Die nur sich selbst sehen und nur das für wahr halten, was Ihrer Meinung entspricht, bar jeder kritischen Distanz zu sich selbst, unfähig zur Selbstkritik und schon gar der Fähigkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen und dessen Argumente zu verstehen und zu buchstabieren, wenn schon nicht zu deklinieren.

In der Antike gehörte es zur Grundbildung der Gebildeten, dass man seine Argumente gut und einsichtig vortragen konnte. Dann hörte man seinem Widerpart zu und musste dessen Argumentationskette zuerst korrekt wiedergeben, um sie dann argumentativ zu entkräften. Die höchste philosophische Schule war es, eine völlig gegensätzliche Meinung verteidigen zu müssen, als wäre es die eigene. Erst wer das konnte, durfte in den öffentlichen Diskurs eintreten und wurde akzeptiert.

Und heute, in einer Welt, die sich für gebildet (angesichts von Schulpflicht) und aufgeklärt hält und Menschen milde belächelt, die an etwas glauben? Egal an was, ob an GOTT, an Reinkarnation, Budda, Samsara oder Moksha, an Chemtrails oder daran, dass die Bundesrepublik nicht existiert, obwohl sie ihre Arbeitslosenhilfe, ihren Kindergartenplatz oder den Platz im Seniorenheim gern von ihr in Anspruch nehmen…

Viel zu schnell wird geurteilt, nein verurteilt. Ich gebe zu, dass mir das manchmal auch nicht leichtfällt, wenn ich gar zu absonderliche Verschwörungstheorien höre und mich frage, warum ausgerechnet über Wahllokalen chemischen Substanzen abgeregnet werden sollen, wer die Unsummen für Chemie und Flugzeuge bezahlt und wie das gewünschte Wahlverhalten durch die Chemie erzielt wird?

Aber alles gleich abzuurteilen, zu verteufeln, den anderen der Lüge zu zeihen, ihn aus einem Gespräch auszuschließen, nur, weil er anders denkt und artikuliert, das halte ich nicht für zivilisiert. Da sind wir derzeit weit hinter den Griechen und Römern und ihrer rhetorischen Fähigkeit in den „Volksversammlungen“ (z.B. der Gerusia in Sparta oder dem Senat in Rom) vor rund zweitausend Jahren zurück.

In aller Regel ist es wohl die Angst, seine Argumente nicht plausibel und allgemein verständlich vorbringen zu können. Zudem wohl auch die Furcht davor, dass ein anderer mir meine Argumente „zerlegt“ und mich eines Denkens überführt, dass in die Sackgasse geraten ist.

Letztendlich geht es um die Sorge bloßgestellt zu werden. Wenn ich das nicht will, mache ich mich unangreifbar und „hetze“ gegen alle „Gegner“, „(Volks)Feinde“ oder sogar „Spione“.

Dabei wäre es ein Zeichen nicht nur intellektueller Größe, wenn ich meine Argumente dem anderen hinhalte und er sie mir zerpflückt, zerzaust und mich womöglich sogar weiterbringt. Nicht jedes Gegenargument muss meine Gedanken entkräften. Es bietet mir womöglich noch eine weitere Facette zur Unterstützung meiner eigenen Auffassung. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass ich einen anderen überzeugte und er meine Gedanken logischer fände als die seinen. Die ich aber nicht kennte, wenn ich mich den anderen Auffassungen und einer Diskussion verschlösse.

Wir erleben gerade eine politische Unkultur. Das passiert, wenn die Eliten allzu lang ihre Interessen verfolgten, anderen Gedanken nachgingen und wichtige Entwicklungen übersahen oder die Bodenhaftung verloren. Das gab es schon immer und ich nehme wahr, dass sie die Zeichen sehr klar verstanden haben. Unserer Jugend und ihrer Beharrlichkeit sollten wir da sehr dankbar sein. Auch wenn Vieles noch zu tun ist und sich sogleich all die zu Wort melden, die die notwendigen Schritte für zu schwach halten und alles viel besser machten, wenn man sie nur ließe (es sind ja Wahlen).

Es wäre aber nicht das erste Mal in der Weltgeschichte, dass ein Mensch, plötzlich ganz anders redet, wenn er mehr Einblick in die Problematik bekommt und erkennt, wieviel komplizierter alles ist.

Die Rede vom Stammtisch (auch von manchem Leserforum!) hat genau dort ihren Platz und ist sich bestenfalls ihrer (am Stammtisch alkoholtrunkenen) Plattheit bewusst. Die Lösungen dort taugen aber zumeist nicht für die Wirklichkeit. Das ist gerade sehr schön an Herrn Seehofer abzulesen. Seehofer 2015 und 2019 sind völlig unterschiedliche Personen. Wie gut, dass wir Menschen uns bis ins hohe Altern entwickeln können. Nur wer schon immer alles wusste hat sein Potential selbst verspielt.

Ein weiterer Aspekt, der noch erwähnt werden sollte, ist die Tatsache, dass ein antiker Philosoph mit seiner Person für das, was er sagte, einstand. Mir missfällt zunehmend die Tatsache, dass anonymisierte Personen, mit Phantasienamen oder Bezeichnungen, Dinge sagen, die sie Auge in Auge vermutlich niemals sagten. Unlängst sah ich eine Reportage, bei der eine Reporterin Menschen mit ihren „anonymen“ Aussagen konfrontierte, die sie im Netz verbreitet hatten. „Das habe ich nicht so gemeint“, „das wird jetzt falsch interpretiert“ sagte da ein treusorgender Familienvater der aufs übelste gehetzt hatte. Er war leichenblass, dass herausgefunden worden war (wie auch immer), dass er diese Zeilen verfasst hatte. Wer so agiert, gehört zu den verbalen Munitionierern solcher wirren Personen wie der des Täters von Halle. Was können die 40jährige Frau und der 20jähre Mann für dessen fehlenden Selbstwert, den er auch noch im Livestream offen bekundete, in dem er sich selbst einen „Loser“ nannte.

Ich nutze das Internet mehr als ich es mir vor zehn Jahren überhaupt hätte vorstellen können. Dennoch bin ich der Meinung, dass jeder, der für eine Aussage (welchen Inhalts auch immer) vor der Kaufhalle vor Gericht belangt werden könnte, erst recht im Internet belangt werden muss. Vor der Kaufhalle hören ihn zehn Leute, im Internet lesen ihn ggf. tausende. Wohin das führt, sehen wir ja. Radikalismus ist in jeder Spielart, Religion oder Weltanschauung von Übel. In jeder.

Im Talmud fand ich einen Text, den ich Ihnen als Lichtblick und uns zur Beherzigung empfehlen möchte. Wir werden am Sonntag in Thüringen wählen. Ich hoffe, dass wir uns alle bewusst sind, dass wir eine hohe Verantwortung tragen, damit wir die vielen Freiheiten, die wir jetzt seit 30 Jahren haben, nicht wieder verspielen, durch unachtsames Reden, Handeln, schlechte Gewohnheiten und unseren Charakter – denn das wäre dann unser Schicksal:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.

Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

Ein gesegnetes, nachdenkliches und die Wahl nutzendes Wochenende wünscht Ihnen

Ihr Superintendent Kristóf Bálint, Bad Frankenhausen

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