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24.01.2019

Lichtblick

Tag der Befreiung
Am 27. Januar 1945 gegen Mittag tauchen vier junge russische Soldaten am Horizont auf. Sie sitzen auf ihren Pferden, die Maschinengewehre am Anschlag. Ihr Weg führt sie an einen Schreckensort. Sie kommen näher. Als sie den Stacheldraht erreichen, halten sie an. Schauen sich um. Wechseln scheu ein paar Worte und blicken wieder auf die zerstörten Baracken. Auf die umherliegenden Leichen. Auf die todkranken und gefolterten Überlebenden. In ihren Augen steht Befangenheit und Scham. Sie grüßen nicht. Sie lächeln nicht. Sie sind einfach nur befangen. Von Schuld. Von Scham. Schuld und Scham haben ihnen den Mund verschlossen und fesseln ihre Augen auf das düstere Schreckensbild.
Am Sonntag (27.01.) jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 74. Mal. Zum Zeitpunkt der Befreiung findet die Rote Armee noch 7000 Menschen im Lager vor. Sie sind todkrank, haben alle Kräfte verloren. Hinter ihnen liegen Folter, Zwangsarbeit und ständige Todesangst. Hunger, Durst und Seuchen zeichneten ihre Körper. Die Bilder der Auschwitzüberlebenden stehen bis heute als Mahnmal des Schreckens vor unseren Augen. Auschwitz steht für die Shoah, den Holocaust: die systematisch geplante Vernichtung von Jüdinnen und Juden. Auschwitz steht für den Massenmord an Sinti, Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuellen, Behinderten und politisch Andersdenkenden, sowie an Widerständlern, Wissenschaftlern, Künstlern, Journalisten, Kriegsgefangen und Deserteuren. Skrupellos und erbarmungslos töteten Deutsche Männer, Frauen, Greise und Kinder.

Deutsche haben Auschwitz geplant und ihre menschenverachtenden Pläne in die Tat umgesetzt. Auschwitz ist zum Begriff für eine Schuld geworden, die unser Land, Deutschland, unsere Vorfahrinnen und Vorfahren in Welt gebracht haben.
Da waren die willfährigen Helferinnen und Helfer der Nazis – Überzeugungstäter. Da war eine Zivilgesellschaft, die geschwiegen und die Augen verschlossen hat. „Wir wussten von nichts“ – obwohl Hitler und seine Parteigänger keinen Hehl aus ihren Zielen machten. Da waren kirchliche Würdenträger, Wissenschaftler und Journalisten, die den geistigen Boden bereiteten für Judenhass, Menschenverachtung und Massenmord. Da waren Industrielle, die Geld mit dem Massenmord verdienten.

Unser Volk hat Schuld auf sich geladen. Eine Schuld, die bleibt.  Eine Schuld, die auch 74 Jahre danach nicht getilgt werden kann. Eine Schuld, die bleibt. Aus dieser Schuld erwächst Scham. Eine Scham, die Menschen bis heute empfinden. Zeitzeugen gibt es immer weniger. Und damit wächst auch die Gefahr, dass der Zivilisationsbruch von Auschwitz geleugnet, relativiert und klein geredet wird. Da werden die Greueltaten zum „Vogelschiss“ erklärt. Da machen sich Raper über die Opfer des Schreckens lustig. Und in der Hauptstadt Deutschlands steht ein „Denkmal der Schande“.
Hinter all diesen Leugnungen steht der Wunsch, Scham und Schuld abzuschütteln. Anzuknüpfen an die Zeit des Nationalsozialismus. Endlich wieder stolz sein zu können auf das eigene Land und seine Geschichte. Denn Stolz ist das Gegengefühl zur Scham. Aber wer seinen Stolz auf Leichenbergen gründen will, der rennt geradeaus in die nächste Katastrophe.

Wir dürfen es uns nicht ersparen, die Schuld von Auschwitz anzusprechen, und daran zu erinnern, was im Namen unseres Volkes passiert ist. Wer stolz sein will auf seine Heimat, auf unser Land mit seiner Kultur und Geschichte, der darf die dunklen Stunden, die Momente des Versagens und der Schuld nicht leugnen, nicht verharmlosen, nicht ausklammern. Ja, es ist richtig: die meisten lebenden Deutschen haben nicht persönlich Schuld auf sich geladen, weil sie damals noch nicht lebten. Aber wir Nachgeborenen haben die Schuld unserer Vorfahren in unserer Mitte und müssen damit umgehen. Daraus erwächst eine Verantwortung, die wir zu tragen haben. Diese Verantwortung muss in einer Gedenkkultur münden, die schonungslos die Schuld benennt, die Opfer und ihre Nachfahren achtet und nach Lehren für die Gegenwart und Zukunft fragt. Das Erstarken von gesellschaftlichen und politischen Kräften, die eine solche Gedenkkultur als „Schuldkult“ verächtlich machen, muss uns hellhörig und wachsam machen. Nationale und kulturelle Identität, Stolz und Verbundenheit mit dem eigenen Land darf die Katastrophe von Auschwitz nicht verschweigen oder relativieren. Sonst würden wir Nachgeborenen uns tatsächlich selbst und persönlich schuldig machen. Wer die Verantwortung der Nachgeborenen für die eigene Geschichte leugnet, macht sich schuldig. Schuldig an der Geschichte. Schuldig aber auch an Gegenwart und Zukunft.    
Die Evangelische Kirche hat im letzten Jahr beschlossen, den 27. Januar als Gedenktag in das Kirchenjahr aufzunehmen. Diese Entscheidung war gut und richtig. Der biblische Spruch für diesen Gedenktag fasst die voranstehenden Gedanken zusammen und ruft uns zur immerwährenden Erinnerung an die Gräueltaten unserer Geschichte.  Da heißt es im 5. Buch Mose: „Hüte dich nur und bewahre deine Seele gut, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben, und dass es nicht aus deinem Herzen kommt dein ganzes Leben lang.“ (5. Mose 4,9a)

Die Schreckensbilder von Auschwitz stehen bis heute vor unseren Augen. Wir dürfen sie nicht aus unserer Mitte tilgen, sondern sie betrachten. Die Opfer ehren. Schuld zugeben. Und die richtigen Schritte und Folgerungen für das Heute und Morgen ziehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein nachdenkliches und gesegnetes Wochenende!
Pfarrer Karl Weber (Sondershausen).

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