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04.01.2019

Lichtblick

"Vornehm vornehmen"

Alljährlich sehen wir sie, die Menschen, die sich im neuen (Kalender)Jahr etwas vornehmen: die Jogger oder Walker zum Beispiel. Mit Neon-farbenem Outfit (kaum ein Deutscher macht Sport ohne Funktionskleidung!) laufen Sie wieder und verlangen uns hohen Respekt ab.

„Dieses Jahr tue ich mehr für meine Gesundheit, meine Ausdauer, für meinen Status in der kostenpflichtigen Gesundheits-App, für meine Beziehungen in der Laufgruppe“ und viele andere Motivationen mehr, können wir als Begründung hören.

Das ist ein gutes Unterfangen und den meisten verhilft es zu mehr als frischer Luft: bestenfalls zu guter Sportgemeinschaft, zu einem freien Kopf, zu klaren Gedanken und Einsichten, klugen Ideen, grandiosen weiteren Vorsätzen…

Womöglich zu dem, dass mit der durch Sport einhergehenden Entschlackung und Reinigung des Körpers auch die des Geistes angestrebt wird. Nennen wir es Aktiv-Hirn-Jogging.

Wir denken selbst und lassen uns nicht einreden, was unsere Meinung ist oder wer sie BILDet, wer oder was wirklich eine Alternative ist oder nicht? Lassen wir ebenso „frische Luft“ an unser Hirn und all den Mief des letzten Jahres hinausblasen, damit das Gerümpel, der stinkende Unrat raus kann und Platz für frische Ideen und positives Leben wird und ist.

Ich habe den Eindruck, dass das häufiger dringender NOTwendig ist als das körperliche Jogging. Wenn wir Sport treiben, dann laufen wir unserem Tod nicht davon, wir sterben bestenfalls gesund. Wenn wir im Kopf vermüllt sterben und nicht dann und wann Frischluftzufuhr zulassen, dann sterben wir verblödet, immer wieder die gleichen Phrasen wiederkäuend, wie das liebe muhende Vieh auf der Weide.

Ein Anfang könnte sein, dass wir nur zulassen (schon das ist für manchen ein großes Vorhaben), dass eine andere Meinung als unsere womöglich sinnvoll und richtig sein könnte. Womöglich nur hypothetisch, aber dennoch. Sich nur mal den Argumenten eines anderen öffnen, einfach mal „nach-denken“, die „Geistes-Fenster“ öffnen und Frischluft reinlassen.

Wenn wir dann merken, dass die anderen Sichten vielleicht auch eine Berechtigung haben könnten, dann wären leichte „Dehn- und Stretchübungen“ (wie vor und nach dem Laufen) angebracht. Einfach mal die anderen Argumente übernehmen und dehnen und strecken. Es könnte ja sein, dass das unserem Geist guttut, wir unseren Geist wie Muskelgewebe aufwärmen, elastischer gestalten und womöglich wahrnehmen: „Mensch, dieser Gedanke ist so gänzlich falsch nicht.“

In der griechischen Antike wurde dies Diskurs genannt. Dabei liefen die Diskutanten miteinander in Wandelhallen oder im Freien und tauschten ihre Argumente aus.

Sieger war regelmäßig nicht der, der seine vorgefertigte Meinung durchdrückte und kein bisschen änderte und immer glaubte im Recht zu sein.

Sondern es war der, der (1) seine Meinung gut und (2) vor aller Augen persönlich öffentlich begründete, die der anderen ohne Wertungen und Vorurteile wiedergeben (3) und deren Argumente darstellen (4) und ihre Plausibilität erklären konnte (5) und der in Folge dieses Prozesses dann seine womöglich am Gesprächsprozess „geschliffene“ Meinung nunmehr und unter Einbeziehung der Argumente Dritter neu herleiten (6) und darstellen konnte.

Ein Gestaltungsprozess in sechs Schritten, wenn ich richtig gezählt habe.

Doch was geschieht in weithin zu wenig gelüfteten „Denkfabriken“ von Zeitgenossen?

  1. eigene Meinungen werden zwar dargestellt, aber wenig durch Argumente untermauert. So werden Behauptungen aufgestellt, die durch nichts als die Person selbst und ihre Ansicht gedeckt sind und bestenfalls noch von „applaudierenden Selbstbeneblern“ und „Verschwörungstheoretikern“ unterstützt werden.
  2. Diese wiederum treten nicht öffentlich in Erscheinung, geben vor, Unrecht und Unbill erleiden zu müssen, wenn Sie ihren Klarnamen nennten, obwohl wir Meinungsfreiheit haben, wie wir oft genug unerträglich wahrnehmen müssen. Eigentlich dürften solche Zuschriften gar nicht zugelassen werden, denn es sind Zeugnisse einer jämmerlichen Selbstgerechtigkeit. In DDR-Zeiten dieses Argument vorgebracht, hätte ich es ohne Zweifel bestätigt und habe damals mit meinem Leben(slauf) für meine öffentliche Kritik auch eingestanden. Heute ist es eine Farce, ist es Feigheit und Ruchlosigkeit, sich auf eine solche Behauptung zurückzuziehen, denn verfolgt würden nur Tatbestände, die gegen das Grundgesetz stehen und das zurecht. Schon heute könnte eine Anzeige gegen allzu forsch auftretende und selbstgewisse, aber anonyme „Schreiberlinge“ dazu führen, dass Klarnamen genannt werden müssten und dann „fielen die Masken“. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das passiert, denn die Spirale der sich emporschaukelnden Klugheiten und Besserwissereien hat das gesetzmäßig zur Folge. Das lässt sich im Württemberger Landtag sehr schön beobachten, wo die ersten (Hetz)Abgeordneten durch Polizei aus dem Plenarsaal begleitet werden. Auch Worte haben Folgen…
  3. In den Auseinandersetzungen in Internetzeitungen wie auch in Plenarsälen nehme ich wahr, dass weithin die Wiedergabe von Argumenten der Gegenseite nur rudimentär bis gar nicht geschieht. Nach der Einbringung eigener Ansichten erfolgt die Verschränkung der Arme und das war es. Keine intellektuelle Auseinandersetzung mit den Argumenten der Gegenseite, keine (gern auch Skalpell-führende) Sezierung der dortigen Argumente, damit wir sehen, ob an den „dürren Argumenten“ überhaupt „Fleisch“ dran ist. Fehlanzeige. „Ich habe meine Gründe genannt, das muss reichen“, flankiert von einem empörten „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“. Wenn jemand andere Einsichten hat, dann sind das allenfalls „Fake news“. Intellektuell billiger geht’s (n)immer – Sokrates und Platon sei es geklagt.
  4. Wer Argumenten anderer nicht mehr darstellen kann, …
  5. …der kann ihre Plausibilität auch nicht wiedergeben oder widerlegen. Das kann nicht klarer benannt werden.
  6. Die Punkte (4) und (5) sind aber grundlegende Voraussetzung des Diskurses, denn eine eigenständige, an den Ansichten und Argumenten Dritter „geschliffene“ Meinung kann ich nur entwickeln, wenn ich mich auf den anderen einlasse und zwar mit „Haut und Haaren“, wenn ich mich persönlich zu erkennen gebe und zu dem stehe und mit allem einstehe, was ich bin und habe. Das haben Christen in den Arenen im römischen Reich getan, als sie lebendigen Leibes von Löwen zerfetzt wurden, nur, weil sie Christen waren und den römischen Cäsar nicht als GOTT verehrten. Dass haben Christen getan, als sie sich vor Frauen und Männer stellten, die von „wohlmeinenden Nachbarn“ der Hexerei angeklagt wurden, um endlich deren Grundstück und Besitz zu gewinnen oder Schulden bei Ihnen durch ihr „schuldverträgliches Frühableben“ gestrichen bekamen. Das haben Christen auch getan, als ihnen wegen ihres Glaubens in der DDR die Möglichkeit eines Abiturs auf der EOS hintertrieben wurde (ein paar Alibi-Fälle dienten der Verschleierung des Systems) und sie bestimmte Berufe und Studien nicht anstreben konnten. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Insofern hätten viele dieser „Vielschreiber“ im Internet und der „Schreihälse“ im Parlament keine Chance je einen antiken Diskurs zu gewinnen. Es fehlt einfach an Frischluft, vielleicht auch noch an mehr…?

Doch genau das brauchen wir. Ich habe keine Probleme mit anderen Meinungen, mit anderen Ansichten und Argumenten, wenn Sie persönlich und nicht anonym, mit Sachlichkeit, mit der Bereitschaft zum Dialog und zum Hören der Argumente des Gegenübers erfolgen und auch mit der Bereitschaft, sich selbst, die eigenen Argumente und „Beweisketten“ in Frage zu stellen und mit- und aneinander zu wachsen. Das sollten wir uns 2019 vornehm vornehmen.

Wenn schon beim Lesen des „gefälschten Namens“ klar ist, welche Meinung jetzt im Artikel kommt, dann ist da nur „fauliger Geruch“, „übelriechender Nebel“ und keine Frischluft, keine Veränderung, keine „Freiheit im Geist“.

Wir sollten uns heuer miteinander fest vornehmen, die o.g. sechs Regeln zu beherzigen: bevor jeder einen Artikel, eine Meinung zu der eines anderen oder zu einem Artikel schreibt, das Wort lieber öffentlich und mit Klarnamen führen und uns zu erkennen geben. Unsere Heimat ist so schön, so kostbar und so bedroht.

Nicht primär durch Fremde, sondern durch einfältige Wortführer, die immer erst hören müssen, was sie sagen, damit sie wissen, was sie denken. Wir bedrohen unseren Lebensraum durch unvernünftiges, selbstzerstörerisches Leben über die Notwendigkeiten des Planeten hinweg. Es gibt so große Probleme, die unsere ganze Aufmerksamkeit benötigen, dass wir uns nicht noch weitere Probleme (er)schaffen müssen, die hausgemacht und unnötig sind. Wir können miteinander so viel Gutes denken, lasst uns aufhören das Schlechte zu suchen und übereinander statt miteinander zu denken, zu reden, zu agieren, zu leben…

Die Jahreslosung für 2019 steht dieses Jahr in einem Psalm (Ps. 34, Vers 15) „Suche Frieden und jage ihm nach!“ Das ist ein gutes Lebensmotto für uns, gern ergänzt um Ehrlichkeit, um Diskursfähigkeit, um Klarheit und vieles andere. Jagen wir ihnen nach, dann werden mehr Probleme für uns alle miteinander gelöst.

Ein gesegnetes Jahr 2019 wünsche ich uns,

Superintendent Kristóf Bálint, Bad Frankenhausen (Klarname und Ort)

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