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29.09.2022

Lichtblick

Zwei „Whisky Sour“! Der Kellner nickt und verschwindet hinter der Bar des Lokales vor dem wir sitzen. Es ist kühl. In Kassel haben wir dem Tag hindurch ein Museum und teile der Documenta besucht. Klausur-Konvent. Durchatmen, von einander hören, Weiterbildung. Gemeinsam sitzen wir nach einem langen Tag zusammen und reden über dies und das. Die Gläser mit der gelblichen Flüssigkeit werden auf unserem Tisch gestellt. Über uns leuchtet eine von vier Infrarotlampen. Stromsparen ist angesagt, aber ein bisschen Wärme kommt an. Wir reden und scherzen. Kotzen uns aus über das was nicht so klappt, wie gedacht. Beraten über den Kirchgeldbrief, der bald verschickt werden sollen.

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? 

Die Worte aus dem Evangelium schwirren mir durch den Kopf als wir über Gaspreise, Kirchgeld und darüber reden, was wir als Kirche tun können. Diesen Satz zu sagen fällt mir unendlich schwer. Es war sehr viel leichter in früheren Jahren diesen Satz zu sagen. Ihn zu sagen im Angesicht, das wir in einer wirtschaftlichen Krise und in Unsicherheiten stecken, ist ungleich schwerer.

Wie ich den Kirchgeldbrief formuliere, ob ich ihn überhaupt verteile, weiß ich immer noch nicht. Zum Glück muss ich diese Entscheidung nicht allein treffen. Während wir mit einander ringen und ich an meinem Getränk schlürfe, denke ich an einen Satz den Luther gesagt haben soll:

Heute habe ich viel zu tun. Deshalb muss ich heute viel beten.“

Klingt irgendwie wie so ein frommer Spruch von einem Abreiß-Kalender.

Aber irgendwie berührt er mich gerade. Er berührt mich, wenn ich daran denke, dass unsere Erntegaben heute und in der nächsten Woche zur Tafel gehen werden. Die Menschen die dort sowieso alles geben, haben jetzt mehr Belastung als selten zuvor. Und ich bin berührt von der Aufgabe, die vor diesen Menschen steht, vor uns als Gesellschaft und vor meiner Kirche.

Ich bin froh, dass wir unsere Mittel für Unterstützung der Menschen vor Ort aufgestockt haben und auch noch weitere Möglichkeiten beraten. Konkret, unbürokratisch, flexibel. Ob das reicht? Ich habe keine Ahnung. Ich merke, dass ich ans Ende komme mit dem was ich kontrollieren kann. So geht es gerade nicht wenigen Menschen. Ihre Wut und ihre Frustration ist gerechtfertigt, wenn man an Milliardengewinne großer Konzerne im Energiebereich denkt. Rücklagen gibt es aber keine und nun sollen die Menschen dafür gerade stehen. Das macht zornig. Auch mich. Über diesem Zorn will ich aber nicht alle Vernunft fahren lassen. Ich bin dankbar, dass ich Menschen treffen, die auch an Lösungen interessiert sind. Nicht nur an Geschrei und Empörung.

Heute habe ich viel zu tun. Deshalb muss ich heute viel beten.“

Am Ende des Abends trinke ich mein Glas aus und mache mich auf dem Weg zu meiner Unterkunft.

Ich fühle dass die nächsten Wochen herausfordernd werden. Viel zu tun, viel zu beten. Aber auch viel Zuhören. Damit ich erkenne, wer mich braucht. Wer dich braucht. Wer uns braucht.

Ich brauche Gottes Kraft, Gottes Beistand, aber auch Gottes Anforderung. Nicht wegducken, sondern da sein. Nicht kapitulieren vor dem Zorn und vor Ungerechtigkeit, sondern Lösungen und Hilfe suchen. Ich suche den Zusammenhalt der Zukunft schafft und nicht Wut und Hass.

Bleiben Sie behütet durch Gottes Hand.

Martin Weber

Pfarrer in Allstedt/Wolferstedt

 

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